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Danke für mein zweites Leben!

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Es gibt Momente, da habe ich Tränen in den Augen. Sie sind selten, denn ich würde mich selbst als sehr kontrollierten Menschen beschreiben.

Vor einigen Monaten war wieder einer dieser Momente. Auf meiner Station wurde ich von einer Kollegin mit dem Satz begrüßt: „Wir haben einen Brief von Herrn Schulze* bekommen.“ (*Name geändert) Herr Schulze war einer unserer jungen Patienten, vorher gesund und mitten im Leben, dann nach einem Sport-Unfall musste er reanimiert und beatmet werden und war eine ganze Weile bei uns in Behandlung.

Einige Patienten besuchen uns nach Abschluss ihrer Behandlung noch einmal oder senden eine Karte, einen Brief oder auch Fotos. Es sind nicht viele, aber es passiert regelmäßig.

Begegnungen in der schlimmsten Phase des Lebens

Für uns auf der Intensivstation sind diese Rückmeldungen überaus wichtig. Es zeigt uns die Erfolge unserer Arbeit. Gerade Patienten, die zum Teil mehrere Monate bei uns waren, kennen wir. Wir lernen sie in einer schlimmen Lebensphase kennen, durch eine Erkrankung verändert, ihrer Autonomie und Selbstbestimmung beraubt.

Der menschliche Körper und die Psyche verändern sich bei einer kritischen Erkrankung oft in erschreckender Weise. Wenn Angehörige Fotos der Patienten mitbringen, fällt es mitunter schwer, den Menschen im Bett auf den Bildern zu erkennen. Es ist teilweise wirklich schockierend! Langdauernde Orientierungsstörungen und Verwirrtheitszustände, teilweise aggressives Verhalten gehören leider häufig zu unvermeidbaren Komplikationen der Erkrankungen oder Therapie.

Zumeist sehen wir unsere Patienten liegend im Bett, im Verlauf dann auch mal kurz im Stuhl sitzend, häufig eher hängend. Meist sind die Patienten mit diversen Zu- und Ableitungen versehen und umringt von technischen Geräten. Für Außenstehende wirken diese Bilder oft verstörend. Und der Zustand, in dem uns die Patienten dann irgendwann auf nachfolgende Stationen verlassen, ist meistens noch weit von normal entfernt. So kennen wir unsere Patienten, so bleiben sie uns in Erinnerung.

Das Wiedersehen

Wenn sie nach ihrer Genesung zu uns zu Besuch kommen, dann stehen da auf einmal wieder selbstbestimmte Menschen vor uns. Aufrecht, sprechend, orientiert. Nicht im Patientenhemd, sondern in normaler Kleidung. Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn diese Person auf einen zukommt und sagt: „Ich kann mich zwar nicht mehr an Sie erinnern, aber ich danke ihnen für alles, was sie getan haben…“.

Ich habe in diesen Momenten dann plötzlich all die kritischen Situationen im Kopf. Die Ereignisse zwischen Leben und Tod, zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Ich erinnere mich an die Gespräche mit den Angehörigen, den Kollegen und Ärzten und an meine Sichtweise zu dem Fall. Dann sehe ich die Person und denke: Genau dafür mache ich meinen Job. Es ist ein extrem schönes Gefühl, irgendwo zwischen Stolz auf die eigene Arbeit und Dankbarkeit, dass es in diesem Fall so gekommen ist.

Eine Urkunde als Auszeichnung

Der Brief von Herrn Schulze war ein ganz besonderer Gruß. Der ehemalige Patient hatte sich wirklich Mühe gemacht und eine Urkunde für uns gebastelt. Darauf stand:

„Urkunde für außerordentliche Pflege
Besondere Beratung, Versorgung und
Ansprache von Patient und Angehörigen“

Anbei ein langer Brief:

„…Sie haben mich aufgenommen, tiefgefroren, aufgetaut und wieder zum Leben erweckt. Ganz nebenbei haben Sie meine Ehefrau und meine große Tochter zu Ausdauer und Geduld angespornt und fanden in jeder neuen Situation die richtigen Worte…
…Ich für meinen Teil bin Ihnen sehr verbunden, da ich die Möglichkeit habe, neu anzufangen. Ohne Sie wäre das nicht möglich! Ich danke Ihnen ganz besonders für die unentwegte Pflege…“

Dies sind nur kurze Auszüge daraus. Mir schossen die Tränen in die Augen! Ich war unglaublich gerührt. Ich hatte den Patienten sehr viel betreut und in den ersten Tagen viele Gespräche mit seiner Ehefrau geführt. Beim Lesen kamen all diese Situationen wieder in mein Bewusstsein.

Mein Dank für den Dank

Herr Schulze, ich danke Ihnen! Danke, dass Sie mir und meinen Kollegen gezeigt haben, dass unsere Arbeit Ihr Leben verändert hat. Mir gibt es Kraft, bei all den frustrierenden Erfahrungen, die wir täglich auch machen, den Sinn zu sehen und weiter zu arbeiten.

Foto: Fotolia / ipopba

 

Marc Alexander Noll

(Jahrgang 1981) ist Stationsleiter der Internistischen Intensivstation der Asklepios Klinik Barmbek. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Marc hat ein Faible für unnötiges technisches Spielzeug, wie er selbst sagt. Bei Computern und Handys ziehen ihn die neuesten Modelle magisch an. Sport steht täglich auf Marcs Programm. Er geht Joggen, am liebsten im Jenfelder Moor, oft aber auch einfach vor der Haustür. Neuerdings macht er Karate – als Ausgleich und zum Abreagieren. Auch seinen Sohn konnte er für die asiatische Kampfkunst begeistern. Wunderbar abschalten kann Marc auch mit der Gitarre in der Hand. Er spielt in einer Band, mit der er regelmäßig auftritt.


Kommentare

1
  • Anna Rathjens

    Hey Marc,

    ich kann deinem Patienten nur Recht geben. Mein Freund musste im letzten Jahr bedingt durch einen schweren Verkehrsunfall lange Zeit im Krankenhaus verbringen. Das Engagement und die stetige Motivation durch das Pflegepersonal haben viel zu seiner schnellen Genesung beigetragen. Auch wenn euch nicht viele Patienten Rückmeldungen nach ihrem Aufenthalt geben, ihr könnt euch einer großen Dankbarkeit sicher sein!

    Viele Grüße, Anna

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