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Ein ganz normaler Arbeitstag als Stationsleitung in der Psychiatrie – Teil II

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neu

Teil II: Ein Vormittag wie kein anderer – und doch Alltag

In meinem vorherigen Blog-Beitrag habe ich beschrieben, wie einer meiner Arbeitstage beginnen kann. Wie es auch im realen Erleben ist, verstrichen Zeit und Worte beim Schreiben so schnell, dass ich am Ende des Beitrags erst bis zum Vormittag vorgedrungen war.

Der Tag geht aber noch weiter.

09.50 Uhr

Beurteilungen stehen an. Ich habe als Stationsleitung alle zwei Jahre die Aufgabe, meine 14 Mitarbeiter zu bewerten. Ähnlich wie ein Berichtszeugnis in der Schule. Ich sichte die Beurteilungen von 2014. Wer hat sich in welche Richtung verändert? Wer kam seitdem neu ins Team und bekommt seine erste Beurteilung? Ich beginne mit der Beurteilung meiner Vertretung. Alle anderen Beurteilungen möchte ich mit ihr zusammen erstellen, um sie in diese Tätigkeit einzuarbeiten.

10.15 Uhr

Ein Anruf. Aus einer Justizvollzugsanstalt. Als Stationsleitung steht meine Telefonnummer auf der Krankenhaus-Homepage, und Anfragen von außen gehen an mich. Die Beamtin erkundigt sich nach den Therapiemöglichkeiten für eine ihrer Insassinnen, die eine Persönlichkeitsstörung hat. Nach der abgegoltenen Strafe möchte sie eine Therapie machen. Interessenten stellen sich uns in einem ersten Gespräch vor und kommen dann auf unsere Warteliste. Während des Gesprächs würde die Interessentin Fußfesseln tragen, informiert mich die Beamtin. Eine ungewöhnliche Situation, aber auch das ist unser Alltag.

10.30 Uhr

Ich moderiere die heutige Skillsgruppe – ein Angebot, angelehnt an die „Dialektisch Behavoriale Therapie“ von Marsha Linehan. In dem Gruppenangebot sollen die Teilnehmer lernen, woran sie an sich merken, wenn sie angespannt sind. Wir besprechen, wie sie sich dann selbst beruhigen können, um nicht die Kontrolle über ihr Verhalten zu verlieren. Es nehmen heute nur drei Patientinnen teil. Eigentlich sind es sechs, aber es kommt immer wieder vor, dass Patienten die Teilnahme vergessen oder aus Angst vor Überforderung vermeiden. Die drei Patientinnen verstehen sich gut, und durch dieses gegenseitige Vertrauen kommt es zu einem besonders offenen Austausch.

11.30 Uhr

Die Skillsgruppe ist beendet. Meine Aufgabe ist es jetzt, in den Akten der Teilnehmerinnen zu vermerken, wie sie sich verhalten haben, wie es ihnen ging und was ich sonst noch beobachtet habe. Das geschieht noch analog, also mit Zettel und Stift. Danach muss ich am PC eintragen, wie lange die Therapie gedauert hat. So wird für unsere Abrechnungsabteilung dargestellt, was wir leisten. Es gibt Kliniken, in denen alles in den PC eingetragen wird. Das hat Vor- und Nachteile – all diese Punkte würden einen ganzen Beitrag füllen.

11.40 Uhr

Gleich habe ich Pause. Vorher fällt mir aber die tagesklinische Patientin ein, der es in der letzten Nacht so schlecht ging. Wie ist das weitergegangen? Ich frage eine Kollegin. Die Patientin war inzwischen in der Visite. Ihr geht es immer noch schlecht. Eine Lösung, die alle zufrieden stellt, konnte nicht gefunden werden, aber die Patientin konnte sich von der Idee, nicht mehr leben zu wollen, für den Moment distanzieren. Unsere Aufgabe ist nun, weiterhin für die Patientin da zu sein und sie ernst zu nehmen.

11.45 Uhr

Pause! Ich habe Hunger. Wenn ich wollte, könnte ich jetzt für 30 Minuten in die Kantine gehen. Ich bringe mir aber lieber etwas mit und mache es in der Mikrowelle warm, oder es gibt frischen Salat. Einen Moment durchatmen und das erste Mal heute überlegen, was ich nach Feierabend machen könnte, tut gut. Denn dann kommt schon der Gedanke an den übrigen Arbeitstag und die zweite Diensthälfte beginnt.

Was am Nachmittag passiert, ist in meinem nächsten Artikel zu lesen.

Katharina Voß

(Jahrgang 1983) ist Unterrichtsassistentin im Bildungszentrum für Gesundheitsberufe der Asklepios Kliniken Hamburg. Sie lebt mit ihrem Sohn in Hamburg. Katharinas Leidenschaft ist das Laufen, mehrmals pro Woche trainiert sie. Katharina tritt auch bei Amateurwettkämpfen an, unter anderem beim B2Run, dem Asklepios Firmenlauf. Beim Laufen kann Katharina die Anstrengungen der Arbeit hinter sich lassen und abschalten. Mit ihrem Sohn hat sie das Skifahren für sich entdeckt. Die Abfahrten im Salzburger Land in Österreich begeistern Mutter und Sohn so sehr, dass sie jedes Jahr wiederkommen. Die gemeinsamen Skiferien im März haben einen festen Platz in der Urlaubsplanung.


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