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Intensivpflege: Zwischen Mensch und Maschine

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Intensivpflegekräfte sind eigen. Dies ist etwas, was man häufig hört. Arrogant, unfreundlich und rechthaberisch sind andere Adjektive, die im Zusammenhang mit meiner „Subgruppe“ gern genannt werden.

Wenngleich dies sicher nicht auf alle Intensivpflegekräfte zutrifft, muss auch ich anerkennen, dass wir eine spezielle Truppe sind.

Blicke ich auf mich und meine Kollegen, haben viele von uns durchaus drollige Eigenheiten entwickelt. Typisch ist im Intensivbereich eine sehr direkte Kommunikation, welche – von außen betrachtet – durchaus gewöhnungsbedürftig wirkt. Auch ein gewisser Sarkasmus ist anzutreffen.

Ich erkläre mir diese Eigenheiten durch unser spezielles Betätigungsfeld. Die Arbeit mit schwerstkranken, in manchen Fällen sterbenden Patienten ist psychisch fordernd. Wir haben wenige Möglichkeiten, unsere Erlebnisse und Gefühle zum Ausdruck zu bringen und zu verarbeiten. Beispiele wären Fallbesprechungen, Besprechungen mit der Krankenhaus-Seelsorge oder, in speziellen Fällen, Supervisionen mit externen Fachleuten. Fairerweise sei aber auch erwähnt, dass ich selber schon mehrfach erlebt habe, dass entsprechende Angebote nicht wahrgenommen wurden.

Ohne Schutzpanzer geht es kaum

Wie man es auch betrachtet – jede Pflegekraft findet im Laufe ihrer Karriere ihre eigenen Wege, die Erlebnisse und Eindrücke zu verarbeiten und damit fertig zu werden. Dazu gehört sicher auch, dass sich Pflegekräfte einen Schutzpanzer zulegen und viele Dinge nicht mehr so nah an sich ranlassen.

Dies klingt allerdings leichter als es ist. Zu viel Panzer und man gleicht einer Maschine. Zu wenig und man zerbricht auf lange Sicht an den vielen belastenden Eindrücken. Beides Dinge, die ich leider schon persönlich miterleben musste.

Manchmal funktioniere ich einfach…

Auch an mir selber stelle ich erstaunt solche Mechanismen fest. Es gibt Tage, an denen ich funktioniere. Dies bedeutet nicht, dass ich meinen Job nicht richtig mache! Ich betreue meine Patienten und deren Angehörige fachlich und menschlich zuvorkommend und korrekt. Routiniert, wenn man es so nennen möchte.

An manchen Tagen stelle ich aber an mir selber fest, dass ich den Menschen im Bett aus dem Blick verliere. Ich sehe nicht mehr die Person mit einer eigenen Geschichte, einem Schicksal und einer besorgten Familie. Ich sehe einen „kranken Menschen im Bett“, umringt von technischen Hilfsmitteln. Ich kommuniziere, bediene die Geräte, verabreiche die Medikamente, führe notwenige pflegerische Maßnahmen durch und dokumentiere sie.

Es sind manchmal ganz kleine Momente, die mich immer wieder in die menschliche Realität zurückholen. Es sind die unerwarteten Fälle. Die menschlichen Tragödien. Manchmal auch nur ein Satz eines Angehörigen oder eine untypische, unerwartete Reaktion des Patienten.

… und dann fühle ich auch wieder

Plötzlich merke ich wieder ganz bewusst: Es sind nicht nur „Kranke im Bett“, es sind Menschen mit einem eigenen Leben, welches plötzlich und unerwartet eine Wendung genommen hat. Nun brauchen diese Menschen meine Unterstützung und Hilfe.

Auch wenn es paradox klingt – ich freue mich über diese Momente. Sie zeigen mir persönlich, dass mein ethischer und moralischer Kompass noch funktioniert. Dass ich keine Maschine bin, sondern ebenfalls ein Mensch. Dass es immer wieder Dinge gibt, die meinen eigenen, antrainierten Schutzpanzer durchdringen und mir nahegehen.

Mensch bleiben und nicht zerbrechen

Für mich ist, neben der kontinuierlichen fachlichen Entwicklung, die Entwicklung des eigenen Selbst eine der großen Herausforderungen meines Fachbereichs. Sein Bestes zu geben, dabei Mensch zu bleiben, ohne an den Schicksalen zu zerbrechen.

Ich mache seit vielen Jahren Sport, um einen anstrengenden Arbeitstag zu verarbeiten. Ich spreche mit meiner Partnerin, meiner Familie, meinen Freunden sowie mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Dass hierbei die Schweigepflicht zu beachten ist, ist selbsterklärend.

Spannungsfelder in der Intensivpflege

Für mich ist es dieses emotionale Spannungsfeld, was Intensivpflegekräfte so eigen macht. Auf der einen Seite die hochtechnisierte Medizin. Der Umgang mit all den Geräten. Der hohe fachliche Anspruch. Die Auseinandersetzungen mit dem ärztlichen Dienst und untereinander. Die Notwendigkeit, sich Gehör zu verschaffen. Auf der anderen Seite ist es der empathische Umgang mit dem kranken Menschen. Mitgefühl und Menschlichkeit. Manchmal auch die Erkenntnis, nichts mehr tun zu können. Menschen zu verlieren, obwohl man so vieles richtig gemacht hat. All diese Dinge machen etwas mit einem.

Jeder, der in meinem Fachbereich länger arbeitet, findet seinen Weg. Ich könnte ohne Probleme mehrere Seiten mit Gründen und Argumenten füllen, niemals in die Pflege zu gehen. Gleichwohl gibt es eine Erkenntnis, die mich immer wieder fasziniert: Ich würde es wieder tun! Denn trotz allem liebe ich meinen Job und möchte ihn nicht missen. Nicht jeder Mensch ist zur Pflegekraft geboren. Auch die Intensivpflege ist nicht für jede Pflegekraft anziehend. Ich bin aber immer wieder froh, diesen Weg gegangen zu sein. Ohne die Erlebnisse im Arbeitsleben und all die Menschen, die ich kennenlernen und begleiten durfte, wäre ich heute nicht der Mensch, der ich bin.

Foto: Marc Alexander Noll

Marc Alexander Noll

(Jahrgang 1981) ist Stationsleiter der Internistischen Intensivstation der Asklepios Klinik Barmbek. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Marc hat ein Faible für unnötiges technisches Spielzeug, wie er selbst sagt. Bei Computern und Handys ziehen ihn die neuesten Modelle magisch an. Sport steht täglich auf Marcs Programm. Er geht Joggen, am liebsten im Jenfelder Moor, oft aber auch einfach vor der Haustür. Neuerdings macht er Karate – als Ausgleich und zum Abreagieren. Auch seinen Sohn konnte er für die asiatische Kampfkunst begeistern. Wunderbar abschalten kann Marc auch mit der Gitarre in der Hand. Er spielt in einer Band, mit der er regelmäßig auftritt.


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