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Intensivmedizin: Zwischen Sinn und Sinnlosigkeit

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In regelmäßigen Abständen lese ich in den Medien Artikel über unser Sozialsystem. Wir haben in Deutschland ein System, das allen Versicherten medizinische Versorgung auf sehr hohem Niveau zugänglich macht. Wir leben in einem Land, in dem jedem Menschen alles zusteht. Dies stellt uns, besonders im Bereich der Intensivmedizin, aber auch immer wieder vor ethische und moralische Konflikte.

Ich habe in diesem Blog schon mehrfach über die emotionalen Belastungen gesprochen, die mein Arbeitsbereich mit sich bringt – z.B. in den Beiträgen: ZWISCHEN MENSCH UND MASCHINE, ARBEIT AUF DER INTENSIVSTATION: ZWISCHEN LEBEN UND TOD und WIE WIR GEMEINSAM FÜR GESUNDHEIT BRENNEN – UND WIE DARAUS LICHT UND WÄRME ENTSTEHT .

Die Frage der Sinnhaftigkeit medizinischen Handelns spielt dabei auch eine Rolle. Sollten wir immer alles tun, nur weil wir es tun können? Die Antwort auf diese Frage fällt schwer. Und immer wieder gibt es darüber Meinungsverschiedenheiten.

Konflikt so alt wie die Medizin

Dieser ethische und moralische Konflikt ist fast so alt wie die Medizin selbst, und bis heute hat noch niemand eine Lösung gefunden, die nicht neue Fragen und Probleme aufwirft. Als Gesellschaft ist die Antwort scheinbar sehr einfach. Unnötiges Handeln verursacht Kosten für die Solidargemeinschaft, die vermieden werden sollten. Ist man nicht von den Konsequenzen dieser Entscheidungen betroffen, ist dies eine logische Sichtweise. Lasst es mich bildlich ausdrücken: Stellt Euch vor, Ihr habt zwei Autos. Eines fährt und ist gut im Schuss. Das andere ist alt, der Motor hat einen Schaden und auch die Kupplung funktioniert nicht mehr. Es rostet an allen Ecken, und die Hälfte der Zeit springt es nicht an. Die Tanks beider Autos sind leer und Ihr bekommt 50€ zum Tanken. Welches Auto bekommt eine Tankfüllung? Einfache Antwort, oder?

Nun ersetzt die Autos durch Menschen und die Tankfüllung durch medizinische Versorgung. Wie sieht Eure Entscheidung nun aus? Ist es die eigene Mutter, der eigene Vater oder ein enger Freund, sieht die Situation häufig anders aus, klar. Auf einmal werden viele sagen, dass beide Menschen die maximale Therapie bekommen sollten.

Wir haben das Privileg, dass die finanziellen Belastungen von der Solidargemeinschaft getragen werden. Die Entscheidung, welches Auto betankt wird, ist uns somit derzeit noch abgenommen. Dennoch bleibt die Kostenfrage.

Was ist das Beste für einen Patienten?

In der Praxis im Krankenhaus stellt uns unser System immer wieder vor große Herausforderungen. Diese sind meist weniger finanzieller Natur, sondern häufiger ethischer. Ich möchte ein Beispiel nennen: Ein Patient, lassen wir ihn hier einmal 94 Jahre alt sein, wird mit einer akuten Erkrankung auf eine Intensivstation gebracht. Diese akute Erkrankung würde unbehandelt zum Tode führen – sie kann aber behandelt werden. Es besteht eine geringe Chance, dass der Mensch sich, nach längerer belastender Behandlung, erholen könnte (!).

Unser fiktiver Patient leidet seit vielen Jahren an chronischen Schmerzen und hat mehrere andere Vorerkrankungen. Er war bereits bettlägerig und bedurfte der durchgehenden Pflege seiner Familie und von Pflegediensten. Er ist dement und weiß häufig nicht mehr, wo oder wer er ist. Er hat sein Zuhause seit einem Jahr nicht mehr gesehen, liegt seitdem im Krankenhaus. Dies ist keine untypische Situation, sondern Realität. Was nun?

Sollte dieser Patient mehrere Wochen auf einer Intensivstation behandelt werden? Mit welchem Erfolg wäre zu rechnen? Könnte dieser Patient wieder eine gute Lebensqualität erreichen? Soll man ihn „so ein bisschen“ behandeln? Vielleicht gar nicht?

Wer entscheidet, wenn der Patient es nicht mehr kann?

Wer dürfte diese Entscheidung treffen? Der Patient? Der kann es derzeit nicht. Die Familie? Ein Richter? Darf ein Arzt vielleicht diese Entscheidung treffen oder das Pflegeteam, welches ihn betreut und wahrnimmt?

Wenngleich wir in Deutschland sehr klare Strukturen haben, wer für einen Menschen entscheiden darf, sollte er nicht mehr dazu in der Lage sein, stellt dies alle Beteiligten vor immense Herausforderungen.

Ich bin dankbar, dass ich als Pflegekraft diese Entscheidungen nicht treffen und verantworten muss. Gleichwohl bin ich hier ein Teil eines interdisziplinären Teams. Ich entwickle ein Gespür für den Patienten und nehme seine Reaktionen war. Ich spreche mit den Angehörigen und kann mir zumindest bruchstückhaft ein Bild vom mutmaßlichen Willen des Patienten machen.

Häufig habe ich auch das Gefühl, dass wir dem Menschen keinen Gefallen tun, wenn wir ihm alle Möglichkeiten einer modernen Intensivversorgung zukommen lassen. Dies ist aber meine persönliche Einschätzung – nicht die des Patienten. Wer bin ich, dass ich mir anmaßen könnte, diese Entscheidung über das Leben oder Sterben treffen zu können?

Patientenverfügungen nicht nur für Senioren

In den vergangenen Jahren hat ein Dokument, die Patientenverfügung, an Bedeutung gewonnen und ich möchte meinen Beitrag hier nutzen, euch hierfür zu sensibilisieren! Kümmert Euch um Eure Wünsche! Was erhofft ihr Euch für eine Versorgung?

Eines habe ich in den vergangenen Jahren gelernt: Es kann schneller relevant werden, als Ihr vielleicht denkt. Ein Sport- oder Verkehrsunfall. Ein Schlaganfall oder Herzinfarkt – vielleicht aufgrund einer genetischen Prädisposition. Es ist keine Frage des Alters. Ob 20 oder 90 – es spielt keine Rolle!

Meine Familie und meine Freunde wissen, was ich möchte bzw. viel wichtiger, was ich nicht möchte. Schreibt es auf, beschreibt genau und exakt, was ihr für Euch wollt oder nicht wollt. Verfasst keine allgemeinen Beschreibungen, eine Patientenverfügung muss detailliert sein. Lasst Euch beraten! Auch im Internet findet Ihr viele Informationen zur Patientenverfügungen. Ja, es ist aufwändig und ein bisschen kompliziert. Es ist ein unangenehmes Thema. Aber Euer Leben, Eure Wünsche sind ein paar Tage Arbeit wert!

Uns Mitarbeitern im Krankenhaus, aber auch Euren Familien helft Ihr damit ungemein. Denn wir können dann in Eurem Interesse Entscheidungen treffen.

Wir können stolz auf unser Gesundheitssystem sein. Letztlich kommt aber jedem von uns die Verantwortung zu, selber zu entscheiden. Ihr entscheidet, was sinnvoll oder eben sinnlos ist. Ob ihr nun 94 Jahre alt und chronisch erkrankt oder 20 Jahre und topfit seid.

Foto: Fotolia / Alex Tihonov

Marc Alexander Noll

(Jahrgang 1981) ist Stationsleiter der Internistischen Intensivstation der Asklepios Klinik Barmbek. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Marc hat ein Faible für unnötiges technisches Spielzeug, wie er selbst sagt. Bei Computern und Handys ziehen ihn die neuesten Modelle magisch an. Sport steht täglich auf Marcs Programm. Er geht Joggen, am liebsten im Jenfelder Moor, oft aber auch einfach vor der Haustür. Neuerdings macht er Karate – als Ausgleich und zum Abreagieren. Auch seinen Sohn konnte er für die asiatische Kampfkunst begeistern. Wunderbar abschalten kann Marc auch mit der Gitarre in der Hand. Er spielt in einer Band, mit der er regelmäßig auftritt.


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